TIPP DES MONATS SEPTEMBER

WAS HABEN WIR GELACHT - Und wer durfte eigentlich lachen?

Es gibt Fernsehmomente, über die man heute nicht mehr lachen kann. Nicht, weil sich der Humor verändert hätte, sondern weil sich der Blick auf das verändert hat, was damals als Unterhaltung durchging. Genau hier setzt „Was haben wir gelacht“ an. Die Dokumentation von Eva Müller und Isabel Schneider blickt auf die deutsche Fernsehunterhaltung der 1990er und frühen 2000er Jahre und lässt fünf Frauen zu Wort kommen, die diese Zeit nicht nur erlebt, sondern geprägt haben: Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins.

Die fünf Protagonistinnen sitzen jeweils allein vor neutralem Hintergrund und sehen sich altes Fernsehmaterial an. Gerade diese schlichte Form erweist sich als kluger Kniff. Denn plötzlich wirken vermeintliche Klassiker wie „Wetten, dass…?“ oder Ausschnitte aus Shows von Harald Schmidt oder anderen großen TV-Männern erstaunlich fremd. Was früher als frech, schlagfertig oder einfach nur lustig galt, entpuppt sich nicht selten als rassistisch, homophob, herablassend, übergriffig, sexistisch und frauen­feindlich. Die Reaktionen der Frauen - mal wütend, mal trocken, mal fassungslos und manchmal tatsächlich amüsiert - machen diese Archiv­bilder lebendig.

Dabei sind die fünf Frauen keineswegs bloße Zeitzeuginnen. Maren Kroy­mann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins stehen für unterschiedliche Wege, sich in einer Unterhaltungssze­ne zu behaupten, die Frauen lange vor allem als Assistentinnen, Zielscheibe und Dekoration vorsah. Besonders eindrucksvoll ist, wie deutlich wird, dass weibliche Komik damals nicht nur gegen schlechte Witze, sondern gegen ein ganzes System von Erwartungen ankämpfen musste: Frauen sollten attraktiv sein, nicht zu laut, nicht zu unbequem und vor allem nicht erfolg­reicher oder schlagfertiger als die Männer auf der Bühne.

Das Verdienst der Regisseurinnen liegt darin, diese Perspektive konsequent ernst zu nehmen. „Was haben wir gelacht“ ist keine nostalgische Rück­schau auf eine vermeintlich bessere Fernsehzeit. Die Dokumentation fragt vielmehr, was Humor über Macht verrät und darüber, wer überhaupt bestim­men darf, worüber gelacht wird.

Gerade diese Konsequenz ist allerdings auch die Schwäche der Dokumen­ta­tion. Die Sichtweisen könnten durchaus multiperspektivischer sein. Wo ist etwa die ostdeutsche Sicht auf die Umbrüche der Nachwendezeit? Wie erlebte die ostdeutsche Bevölkerung die neue Medienwelt? Was ist mit Männern, die damals bereits progressiv dachten und arbeiteten? Auch eine kritische Auseinandersetzung mit den männlichen Akteuren selbst hätte den Film bereichern können. Stattdessen bleibt die Erzählung stark auf die weibliche Perspektive konzentriert. Das ist historisch interessant und poli­tisch nachvollziehbar, verengt aber gelegentlich den Blick auf eine komplexere Mediengeschichte.

Trotzdem: Diese Dokumentation ist überaus sehenswert. Nicht, weil sie besonders ausgewogen sein will, sondern weil sie einen Bereich der deut­schen Fernsehgeschichte sichtbar macht, den man lange allzu bequem als „war halt damals so“ abgetan hat. Wer die 90er selbst erlebt hat, wird manches wiedererkennen und manches mit neuen Augen sehen. Wer sie nicht erlebt hat, bekommt eine überraschend unterhaltsame Lektion darüber, wie sich gesellschaftliche Normen verändern.

„Was haben wir gelacht“ macht deshalb tatsächlich Lust aufs Kino: Man geht hinein, um sich an alte Fernsehzeiten zu erinnern und ertappt sich selbst dabei, dass das damalige Mitlachen eher ein Verlachen war. Verwundert geht man aus dem Kino heraus mit den Fragen, warum wir über manches eigentlich so lange gelacht haben und worüber man eigent­lich lachen sollte.

Stefan Grips


Tipp des Monats SEPTEMBER

WAS HABEN WIR GELACHT - Und wer durfte eigentlich lachen?

Es gibt Fernsehmomente, über die man heute nicht mehr lachen kann. Nicht, weil sich der Humor verän­dert hätte, sondern weil sich der Blick auf das verän­dert hat, was damals als Unterhaltung durchging. Genau hier setzt „Was haben wir gelacht“ an. Die Doku­mentation von Eva Müller und Isabel Schneider blickt auf die deutsche Fernsehunterhaltung der 1990er und frühen 2000er Jahre und lässt fünf Frauen zu Wort kommen, die diese Zeit nicht nur erlebt, son­dern geprägt haben: Maren Kroymann, Hella von Sin­nen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins.

Die fünf Protagonistinnen sitzen jeweils allein vor neutralem Hintergrund und sehen sich altes Fernseh­material an. Gerade diese schlichte Form erweist sich als kluger Kniff. Denn plötzlich wirken vermeintliche Klassiker wie „Wetten, dass…?“ oder Ausschnitte aus Shows von Harald Schmidt oder anderen großen TV-Männern erstaunlich fremd. Was früher als frech, schlagfertig oder einfach nur lustig galt, entpuppt sich nicht selten als rassistisch, homophob, herablassend, übergriffig, sexistisch und frauenfeindlich. Die Reaktio­nen der Frauen - mal wütend, mal trocken, mal fassungslos und manchmal tatsächlich amüsiert - machen diese Archivbilder lebendig.

Dabei sind die fünf Frauen keineswegs bloße Zeitzeu­ginnen. Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins stehen für unterschiedliche Wege, sich in einer Unterhaltungs­szene zu behaupten, die Frauen lange vor allem als Assistentinnen, Zielscheibe und Dekoration vorsah. Besonders eindrucksvoll ist, wie deutlich wird, dass weibliche Komik damals nicht nur gegen schlechte Witze, sondern gegen ein ganzes System von Erwar­tungen ankämpfen musste: Frauen sollten attraktiv sein, nicht zu laut, nicht zu unbequem und vor allem nicht erfolgreicher oder schlagfertiger als die Männer auf der Bühne.

Das Verdienst der Regisseurinnen liegt darin, diese Perspektive konsequent ernst zu nehmen. „Was haben wir gelacht“ ist keine nostalgische Rückschau auf eine vermeintlich bessere Fernsehzeit. Die Dokumentation fragt vielmehr, was Humor über Macht verrät und da­rü­ber, wer überhaupt bestimmen darf, worüber gelacht wird.

Gerade diese Konsequenz ist allerdings auch die Schwäche der Dokumentation. Die Sichtweisen könnten durchaus multiperspektivischer sein. Wo ist etwa die ostdeutsche Sicht auf die Umbrüche der Nachwendezeit? Wie erlebte die ostdeutsche Bevöl­ke­rung die neue Medienwelt? Was ist mit Männern, die damals bereits progressiv dachten und arbeiteten? Auch eine kritische Auseinandersetzung mit den männ­lichen Akteuren selbst hätte den Film bereichern können. Stattdessen bleibt die Erzählung stark auf die weibliche Perspektive konzentriert. Das ist historisch interessant und politisch nachvollziehbar, verengt aber gelegentlich den Blick auf eine komplexere Medienge­schichte.

Trotzdem: Diese Dokumentation ist überaus sehens­wert. Nicht, weil sie besonders ausgewogen sein will, sondern weil sie einen Bereich der deutschen Fernseh­geschichte sichtbar macht, den man lange allzu be­quem als „war halt damals so“ abgetan hat. Wer die 90er selbst erlebt hat, wird manches wiedererkennen und manches mit neuen Augen sehen. Wer sie nicht erlebt hat, bekommt eine überraschend unterhaltsame Lektion darüber, wie sich gesellschaftliche Normen verändern.

„Was haben wir gelacht“ macht deshalb tatsächlich Lust aufs Kino: Man geht hinein, um sich an alte Fern­sehzeiten zu erinnern und ertappt sich selbst dabei, dass das damalige Mitlachen eher ein Verlachen war. Verwundert geht man aus dem Kino heraus mit den Fragen, warum wir über manches eigentlich so lange gelacht haben und worüber man eigentlich lachen sollte.

Stefan Grips

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